Der Anblick von Stille
06052023 2117
Sie sitzt in der Dämmerung im Park unter einer blühenden, tiefhängenden Kastanie.
Nicht weit von ihr transportiert die Tram unentwegt Menschen über den Fluss; auf einem Weg skatet eine junge Frau; von einer nahgelegenen Wiese kommt Musik.
Sie vernimmt sie kaum, nur der Bass findet hier und da einen Weg durch ihre Kopfhörer. Eine fast passende Ergänzung, wenn nicht eigentlich absurder Kontrast zu der komplexen instrumentalen Musik die atonal, mit verschobenen rhythmischen Akzentuierungen und eindringlichen Streicherklängen durch ihre knallroten Kopfhörer strömt.
Dunkel zeichnen sich die, nach dem langen Winter endlich blühenden Bäume, gegen das letzte Licht der bereits untergegangenen Sonne. Noch ist der Himmel von bunten Farben durchzogen, die märchenhafte Stadt gefüllt mit sie bewunderndem Leben. Eine Stadt, die wie sie findet, manchmal zu schön zum Anfassen und selbst wenn man in ihr lebt, immer ein bisschen wie weit entfernt scheint.
Noch ist es warm, doch wenn der Wind unter die Kastanie zieht, fröstelt sie leicht. Es stört sie nicht.
Als die Musik stoppt, fühlt sie für einen Moment die Ruhe.
In ihr ist eine neue Stille eingezogen.
So richtig kann sie es noch nicht begreifen. Die Stille ist ungewohnt friedlich, lädt sie ein in der Dämmerung im Park zu sitzen, das laute Gedanken Konstrukt in ihrem Kopf für einen Moment allein zu lassen, lieber zu beobachten, wie das Orange des verblassenden Sonnenunterganges weicht und stattdessen Lichtpunkte der nun erleuchteten Laternen durch die Blätter der Bäume scheinen.
Dankbar zu sein sich allein, aber nicht einsam zu fühlen, im Herzen irgendwie ganz zu Hause zu sein. Nichts zu wollen oder zu müssen, sondern einfach zu sein.
Leises Trommeln durch bricht die Stille und kündigt den nächsten Track an.
Sie lächelt leise als ein wenig später leise Blechakkorde über den sich intensivierenden Rhythmus schweben.
Dunkel zeichnen sich die tiefhängenden Blätter gegen den jetzt abendlich blauen Himmel. Der Wind trägt leise Stimmen unter die Kastanie. Sie beobachtet die vorbeilaufenden Menschen, fragt sich ein wenig, wer sie wohl sein könnten, wohin sie gehen und ob sie auch gesehen haben, wie sich die die orangetöne des Lichtes abgewechselt haben, wie dunkel die hellgrünen Blätter gegen die untergehende Sonne stehen, wie sanft ihre Stimmen klingen und wie leise ein Raum sein kann.
Als sie sich umschaut, entdeckt sie einen anderen Schatten. Einen anderen Menschen, in einem anderen Raum, unter einem anderen Baum. Sie ist weit gereist, hat viele von ihnen gesehen – dann lächelt sie erneut, denn am Ende sind dann doch alle überall ein bisschen gleich.
Der erste Stern leuchtet am Himmel.
Es wird Sommer.
Sie sitzt auf einer Wurzel im Gras unter einer blühenden, tiefhängenden Kastanie. Es ist Nacht. Sie sitzt dort allein, ein kaum vernehmbarerer Schatten im orangenen Licht der entfernt durch das Laub leuchtenden Laternen. Leise schreibt sie Zeile um Zeile in ein kleines Buch.
Hier hat sie einen Raum gefunden, der so aussieht und klingt wie die neue Stille in ihrem Herzen. Eine Stille, wie die auf die wir mit Musik malen. Jene die uns mehr berühren kann als jeder Ton.
Sie wünscht sich, von Glühwürmchen schreiben zu können, die tanzend Licht in die Dunkelheit bringen, wie sie umeinander schwirren, wie schön sie glitzern…; doch es ist viel zu früh im Jahr, es wäre auch zu kitschig und unrealistisch. Warm denkt sie an ein paar leuchtend grüner Augen, welche sie hierfür mit einer weichen Stimme der Lügengeschichten züchtigen würde.
Sie lacht leise – nur für sich.
Freut sich, dass die Akkorde der Klaviersonate die gleiche Farbe wie das sommernachtsblau des Himmels haben.
Das die beginnende Nacht das Graß riechen lässt.
Ein leichter Wind kommt auf und bewegt die schweren Blätter der Kastanie. Sie bleibt noch einen Moment. Hält fest, hört die Stille, atmet den Geruch des Grases und blickt noch einen Augenblick in das funkelnde orange der Laternen. Dann steht sie auf und geht.
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